BERGAMONT GRANDURANCE 6.0 - 2018 IM TEST

Bergamont Grandurance 6.0 – 2018 im Test – Get the Grevel in me!

Querfeldein heißt jetzt Gravel sonst ändert sich nix. Namen sind halt Schall und Rauch. In den letzten Jahren ging der Trend eindeutig zum Gravelbike. Ob jetzt mehr Mountainbiker oder mehr Rennradfahrer auf ein Gravelbike umgestiegen sind, lässt sich wohl nur durch eine Volksbefragung feststellen. Fakt ist, dass die Gravelbikes heute deutlich öfter in der Stadt wie auch im Wald zu sehen sind. Für die einen sind es Rennräder auf Anabolika und für die Anderen die Mädchenversion eines Mountainbikes (sorry Girls, nichts für ungut #metoo). Die mtb-extreme ist bekannt dafür über den Tellerrand zu schauen. Also haben wir ein paar fetzige Runden auf einem Gravelbike gedreht. Weil wir auch für einen feinen Schnäppchenspürsinn bekannt sind, fiel die Wahl auf ein günstiges Vorjahresmodell von Bergamont: das Bergamont Grandurance 6.0. Es musste sich im Alltag als Arbeitsrad und im Gelände als Sportrad etablieren. Ob es das geschafft hat? Das erfahrt ihr gleich!

Ungewohnte Sitzposition – Nur liegen ist flacher

Wer wirklich nur mit dem Mountain-Bike durch das schwere Gelände schreddert und nicht gerade Vertreter der Spandex tragenden Cross-Country Fraktion ist, benötigt eine Weile sich mit der Sitzposition anzufreunden. Diese hat rein gar nichts mit der aufrechten Sitzhaltung beim Freerider zu tun. Geduckt und windschnittig ist das Motto. Wohl dem, der seine Nackenmuskulatur und Beweglichkeit mit Yoga auf wettkampffähigem Stand hält. Durch die gebückte Sitzposition muss der Kopf willentlich gehoben werden, um den Trail im Blick zu halten. Das fühlt sich schnell ermüdend an. Immer wieder ertappt man sich beim Betrachten des Reifenprofils. Insbesondere bei langen Geradeausfahrten. Die vorgebeugte Sitzposition fühlt sich auch bei Trails schnell nervös und kippelig an. Zum Glück ist das nur der subjektive Eindruck. Das Grandurance lässt sich präzise und sauber über leichte Trails scheuchen. Das Gravelbike liegt durch den, im Vergleich zum Mountainbike steileren Lenkwinkel, nicht so stabil und ruhig bleibt aber jederzeit beherrschbar. Wer wirklich schnell im Gelände sein will, sollte sich selbst ein wenig Zeit geben. Nach und nach wächst man mit dem Rad zusammen und das etwas kipplige Gefühlt verschwindet. 

Steiler Lenkwinkel und langer Radstand

Die Bike-Konstrukteure müssen bei den Gravelbikes einen Ritt auf der Rasierklinge vollbringen. Einerseits soll das Rad agil und wendig sein. Andererseits soll ruhig auf der Straße liegen und jeden Pedalhub in Vortrieb umwandeln. Das Bergamount Grandurance schafft genau das. Objektiv betrachtet kann es im leichten Gelände ebenso überzeugen wie auf der 100 km Straßentour. Natürlich fährt ein Rennrad auf der Straße besser, natürlich kann ein Mountainbike im schwierigen Gelände stärker punkten, aber beides im Wechsel kann das Grandurance perfekt. Ein paar Kilometer über die Landstraße, mit Highspeed über den Feldweg und dann noch einen Abstecher durchs Waldstück. Genau eine solche Streckenaufteilung liebt das Gravelbike und zeigt keine eklatanten Mängel oder Schwächen. 

Rennradreifen mit Stollenprofil 

Überzeugte Mountainbiker werden sicherlich nur ein müdes Lächeln für die Möchtegern-Geländereifen übrig haben. Die Schwalbe G-One Allround werden ihrem Namen mehr als gerecht. Sie rollen perfekt auf Asphalt und bieten guten Grip im leichten Gelände. Sie lieben befestigte Waldwege und überzeugen mit sicherem Einlenken und guter Manövrierbarkeit. Bei Nässe auf Rollsplitt und feinem Schotter spielen die gedopten Rennradreifen ihre Stärken aus. Es sollte allerdings nicht zu schlammig werden. Starkregen und unbefestigte Wege mit zentimetertiefem Schlamm quittieren die Reifen mit mangelnder Bissigkeit. 

Bremsen und Schaltung nicht überragend jedoch auf hohem Niveau

Der auffälligste Unterschied zwischen Rennrad, Gravel- oder Cyclocross-Bike sind die verbauten Scheibenbremsen. Während das Rennrad noch mit den gummibewährten Pivotbremsen vorlieb nehmen muss, sorgen beim Gravelbike Scheibenbremsen für ordentliche Verzögerung. Die Bremswirkung wird allerdings stark vom Grip der Reifen limitiert. Bedingt durch die geringe Breite und die damit einhergehende kleine Aufstandsfläche ist der Grenzbereich sehr klein. Im Gelände ist blockieren der Standard und auf der Straße wedelt das Hinterrad permanent durch die Luft. Ein feines Händchen ist gefragt. Die Shimano ST-RS405 Bremse ist eher eine Einsteigerscheibenbremse und kann in diesem Preissegment durch eine gute Dosierbarkeit und Bremsleistung überzeugen. Die originalen Bremsbeläge könnten bei Nässe besser sein. Hier bietet der Zubehörhandel deutlich bessere an. Wir würden bei der nächsten Inspektion Kool-Stops verbauen. Die Schaltarbeit wird ebenfalls von der ST-RS405 Gruppe erledigt. Auch hier gibt es wenig zu meckern. Die Schaltung verrichtet zuverlässig ihren Dienst. Nicht mehr und nicht weniger. Die SRAM Schaltwerke fühlen sich für uns deutlich knackiger und präziser an. 

Bergamont Grandurance 6.0 – Unauffälliges Arbeitspferd

 Das Bike geht im Preis-Leistungscheck völlig in Ordnung. Kein unnötiger Schnickschnack. Vernünftige Komponenten. Carbon-Gabel. Gute Bremsen, gute Schaltung. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Mit knappen 10 kg macht das Rad noch einen schlanken Fuß. Cooles Highlight: Ein in die Gabel integriertes Schutzblech. Es passt perfekt und hält trotz der geringen Größe den einen oder anderen Schlammspritzer vom Gesicht fern. Uns hat das Grandurance auf dem Asphalt besser gefallen als im Gelände. Der Weg vom MTB zum Gravel ist deutlich „steiniger“ als umgekehrt. Für Rennradfahrer, die gerne über Feldwege rasen oder bei Schnee und Regen im urbanen Dschungel unterwegs sind, ist der Alu-Flitzer von Bergamont eine gute Wahl. Durch vorhandene Aufnahmen für Gepäckträger lässt sich das Bike schnell und unkompliziert zum Reiserad umbauen. Hier sehen wir die echten Stärken. 

FAZIT: Wer vom MTB zum Grandurance umsteigt fühlt sich deutlich unwohl. Zu ungewohnt ist die geduckte Sitzposition. Zu schmal der Lenker. Es fühlt sich einfach nicht wie ein MTB an. Wer ernsthaft einen Umstieg plant, sollte vorher ein Bike für ein paar Tage leihen. Uns hat das Rad im Gelände nicht überzeugt. Das lag weniger an der Fahrleistung als am Gefühl auf einem Rennrad auf Steroiden zu sitzen. Im Stadtverkehr und auf Feldwegen hat uns das Rad eigentlich gut gefallen. Mit den genannten Einschränkungen. Ich meine: „Das Hercules Viper Pro als Arbeitsrad in den Ruhestand zu schicken und mit Gravelbike künftig die Autofahrer in Angst und Schrecken zu versetzen ist ein verlockendes Szenario welches es zu prüfen gilt“. Preis-Leistung sind OK. Mit einem Straßenpreis von runden 1200-1300 Euro bleibt das Loch im Portemonnaie überschaubar. Wir hätten uns eine knackige SRAM Schaltung gewünscht. Ansonsten hat uns das Rad bis auf die ungewohnte Sitzposition gut gefallen. Das optische Design kann auf ein Wort reduziert werden: GEIL! 

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